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Bringt Therapie wirklich etwas?

Seit Monaten jede Woche eine Sitzung, und du weißt nicht, ob das etwas bringt? Was große Studien herausfanden und was du tun kannst, wenn es mit der Therapeutin nicht passt.

Veröffentlicht am 23. Oktober 2026, 7 Min. Lesezeit.

Kurz gesagt

Ja, bei vielen Menschen, aber bei weniger, als du vielleicht hoffst. In großen Studien zu Depressionen ging es Menschen mit Therapie nach zwei Monaten mehr als doppelt so oft deutlich besser als Menschen ohne Therapie. Die warteten noch oder bekamen ihre übliche Behandlung. Welche Therapieform sie machten, war dabei fast egal. In vielen anderen Studien kamen Menschen, die sich mit ihrer Therapeutin oder ihrem Therapeuten gut verstanden, meist besser voran.

Zwei rosa Sessel stehen einander zugewandt an einer Fensterfront in einem hellen, weißen Raum mit großer Pflanze

Donnerstag, wieder der Sessel am Fenster. Die Taschentücher stehen da, wo sie immer stehen. Zwölf der Sitzungen, die die Krankenkasse bewilligt hat, sind schon vorbei. Deine Therapeutin fragt, wie die Woche war, und du hörst dich fast dasselbe sagen wie beim letzten Mal. Irgendwann nach einer halben Stunde taucht eine kleine Frage auf, bei der du dich ein bisschen schuldig fühlst: Bringt das hier eigentlich was?

Bei vielen Menschen bringt es etwas. Bei ziemlich vielen aber noch nicht. Bevor die Zahlen kommen, schätz doch mal selbst.

Von 10 Erwachsenen mit Depressionen, die eine Therapie anfangen: Wie vielen geht es zwei Monate später deutlich besser?

Schätz zuerst.

Die Frage beruht auf Hunderten Studien zu Therapie bei Depressionen, die Forscher in einer großen Auswertung zusammengefasst haben. „Deutlich besser“ hieß: Die Beschwerden waren innerhalb von etwa zwei Monaten mindestens um die Hälfte gesunken. Die Latte liegt damit hoch. Auch deshalb ist der echte Anteil niedriger, als viele erwarten.1

Die klarsten Zahlen gibt es zu Depressionen, gute aber auch anderswo

Zu Depressionen gibt es die meisten Studien, deshalb kommen von dort die klarsten Zahlen. Auch bei anderen Problemen hilft Therapie oft gut: bei Panikattacken, sozialer Angst, Phobien und den Folgen eines Traumas. Weniger gut hilft sie bei Psychosen und bei langer, schwerer Trauer.2 Bei Kindern und Jugendlichen ist der Nutzen bei Depressionen kleiner als bei Erwachsenen.3

Manches Tief geht von allein vorbei, und Studien rechnen damit

In derselben Auswertung ging es auch knapp 2 von 10 Menschen ohne Therapie nach zwei Monaten deutlich besser. Deshalb vergleichen Studien Menschen in Therapie mit ähnlichen Menschen, die auf einer Warteliste standen oder einfach ihre übliche Behandlung weiterbekamen. Nach etwa zwei Monaten sahen die beiden Gruppen so aus:1

  • Deutlich besser: etwa 4 von 10 Menschen mit Therapie, ohne Therapie weniger als 2 von 10.
  • So gut, dass sie vorerst als gesund galten: etwa 1 von 3 mit Therapie, ohne Therapie etwa 1 von 10.
  • Schlechter als am Anfang: eine kleine Gruppe mit Therapie, eine größere ohne.

Manchen geht es während einer Therapie also schlechter. Ohne Therapie war das Risiko, weiter abzurutschen, aber größer.1

Ist es egal, welche Therapie du machst?

Wenn du einen Therapieplatz suchst, stößt du schnell auf eine ganze Auswahl. In der Verhaltenstherapie, genauer der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT), arbeitest du daran, wie deine Gedanken, Gefühle und Gewohnheiten zusammenhängen. Psychodynamische Verfahren suchen nach alten Mustern, die sich immer wiederholen. Zwei davon zahlt auch die Krankenkasse: die tiefenpsychologisch fundierte und die analytische Psychotherapie. Die interpersonelle Therapie schaut vor allem auf deine Beziehungen. Jede klingt so, als würde sie zu einer anderen Art Mensch passen.

Bei Depressionen macht es offenbar viel weniger aus, welche du wählst, als die vielen Namen vermuten lassen. Die Verhaltenstherapie ist mit großem Abstand am häufigsten untersucht worden, in etwa der Hälfte aller Studien zu Depressionen.3 Im Vergleich zur üblichen Behandlung oder zur Warteliste half sie deutlich, und der Nutzen war auch sechs bis zwölf Monate später noch da. Der Unterschied zwischen Verhaltenstherapie und anderen anerkannten Therapieformen war dagegen winzig. Er war so klein, dass die meisten Berechnungen der Forscher ihn gar nicht fanden.4

Wenn es mit der Therapeutin passt, läuft es oft besser

In einer der größten Auswertungen dazu galt: Je besser es zwischen Patient und Therapeut passte, desto besser lief meist die Therapie. „Passen“ heißt hier, dass ihr einander vertraut und euch einig seid, woran ihr arbeitet. Das galt in der Praxis und online, bei vielen Therapieformen und in vielen Ländern. Kaum ein Ergebnis zeigte in die andere Richtung.5

Das beweist nicht, dass die gute Beziehung den Fortschritt bewirkt. Wer sich schon etwas besser fühlt, mag seine Therapeutin vielleicht einfach mehr. Trotzdem erwies sich die Beziehung in einer Studie nach der anderen als wichtig, während der Unterschied zwischen den Therapieformen winzig blieb.4, 5

Was passierte, als Forscher die Verhaltenstherapie auseinandernahmen oder nur das Zuhören übrig ließen, zeigt das Video Was ist Verhaltenstherapie? Bezahlt man nur fürs Zuhören?

Zwei Menschen sitzen tagsüber am Küchentisch und reden, von hinten gesehen
Vieles, was hilft, läuft auf zwei Menschen und ein gutes Gespräch hinaus. Über dieses Bild

Wenn du seit Monaten hingehst und immer noch zweifelst

Bei mehr als der Hälfte der Menschen ist es nach zwei Monaten noch nicht deutlich besser.1 Zählt man auch kleinere Fortschritte mit, nicht nur einen Rückgang um die Hälfte, sieht es besser aus. Dann zeigt die Forschung aus Jahrzehnten: Etwa zwei Drittel werden wieder gesund oder fühlen sich zumindest besser. Bleibt immer noch etwa 1 von 3, bei dem das nicht passiert.6

Etwa 1 von 5 Menschen bricht die Therapie früh ab. Das passiert häufiger bei Jüngeren und bei Menschen, deren Therapeut noch in der Ausbildung ist. Die Therapieform ändert daran nichts.7

Was du tun kannst, ungefähr in dieser Reihenfolge:

  1. Sag es in der Sitzung. „Ich weiß nicht, ob mir das hier hilft“ gibt deiner Therapeutin etwas Konkretes, mit dem sie arbeiten kann. Und meist fällt es leichter, das früh zu sagen als nach Monaten voller höflicher Donnerstage.
  2. Frag, wie ihr den Fortschritt überprüft. Manche Therapeuten halten von Sitzung zu Sitzung fest, wie es dir geht, oft mit einem kurzen Fragebogen. So merken sie früh, wenn jemand feststeckt oder es ihm schlechter geht.6 Macht das bei dir niemand, kannst du darum bitten.
  3. Probier eine andere Person oder einen anderen Ansatz, bevor du entscheidest, dass Therapie nichts für dich ist. Eine gute Beziehung hängt an zwei Menschen, also kann dasselbe Problem bei einem anderen Therapeuten ganz anders laufen.5 Für ein Erstgespräch in einer anderen Praxis, die psychotherapeutische Sprechstunde, brauchst du keine Überweisung. Auch ein anderer Ansatz kann helfen. In einer Studie in England schnitt eine einfachere Methode namens Verhaltensaktivierung genauso gut ab wie die klassische kognitive Verhaltenstherapie. Mehr dazu im nächsten Abschnitt.8
  4. Wenn du noch auf einen Therapieplatz wartest, bleib bei deinem gewohnten Alltag. Das Warten dauert oft mehrere Monate. Mach weiter mit den kleinen Dingen, die du schaffst, wie Arbeit, Essen und Leute treffen. Mit dem Tool zur festen Grübelzeit sortierst du deine Sorgen: Bei welcher kannst du heute etwas tun? Schon das Warten auf einer Liste drückt womöglich ein wenig auf die Stimmung, auch wenn die Studien dazu schwach sind.9 Geht es dir beim Warten schlechter, sag es deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt, oder der Praxis, bei der du auf der Liste stehst. Über die 116117 bekommst du außerdem einen Termin für eine psychotherapeutische Sprechstunde.
  5. Sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt über Medikamente. Im Schnitt helfen sie ungefähr so gut wie eine Psychotherapie.10 Nimmst du schon Tabletten gegen Depressionen, hilft eine Psychotherapie zusätzlich meist mehr als die Tabletten allein.4

Muss man Psychologie studiert haben, um helfen zu können?

Eine Studie in England, in Devon, Durham und Leeds, hat das geprüft. Sie begleitete ein paar hundert Erwachsene mit Depressionen, aufgeteilt in zwei Gruppen. Die eine Gruppe bekam kognitive Verhaltenstherapie von voll ausgebildeten Therapeuten. Die andere bekam Verhaltensaktivierung von weniger erfahrenen Fachkräften aus der psychiatrischen Versorgung, die viel kürzer geschult worden waren. Verhaltensaktivierung ist eine einfachere Methode: Du holst Schritt für Schritt die Dinge und Pläne zurück in dein Leben, die die Depression verdrängt hat. Alle zwei Wochen sprachen die Fachkräfte ihre Fälle mit einem erfahrenen Therapeuten durch.8

Ein Jahr später hatten beide Gruppen die gleichen Werte. Menschen mit akuter Suizidgefahr und Menschen mit bestimmten schweren Erkrankungen, etwa einer Psychose, waren nicht dabei. Über sie sagt die Studie also nichts.8

Quellen (10)

  1. Cuijpers, P., Karyotaki, E., Ciharova, M., Miguel, C., Noma, H., und Furukawa, T. A. (2021). The effects of psychotherapies for depression on response, remission, reliable change, and deterioration: a meta-analysis. Acta Psychiatrica Scandinavica, 144(3), 288-299. Zur Studie Zurück zum Text
  2. Harrer, M., Miguel, C., van Ballegooijen, W., u. a., und Cuijpers, P. (2025). Effectiveness of psychotherapy: synthesis of a „meta-analytic research domain“ across world regions and 12 mental health problems. Psychological Bulletin, 151(5), 600-667. Zur Studie Zurück zum Text
  3. Cuijpers, P., Harrer, M., Miguel, C., Ciharova, M., und Karyotaki, E. (2025). Five decades of research on psychological treatments of depression: a historical and meta-analytic overview. American Psychologist, 80(3), 297-310. Zur Studie Zurück zum Text
  4. Cuijpers, P., Miguel, C., Harrer, M., Plessen, C. Y., Ciharova, M., Ebert, D., und Karyotaki, E. (2023). Cognitive behavior therapy vs. control conditions, other psychotherapies, pharmacotherapies and combined treatment for depression: a comprehensive meta-analysis including 409 trials with 52,702 patients. World Psychiatry, 22(1), 105-115. Zur Studie Zurück zum Text
  5. Flückiger, C., Del Re, A. C., Wampold, B. E., und Horvath, A. O. (2018). The alliance in adult psychotherapy: a meta-analytic synthesis. Psychotherapy, 55(4), 316-340. Zur Studie Zurück zum Text
  6. Lambert, M. J. (2013). Outcome in psychotherapy: the past and important advances. Psychotherapy, 50(1), 42-51. Zur Studie Zurück zum Text
  7. Swift, J. K., und Greenberg, R. P. (2012). Premature discontinuation in adult psychotherapy: a meta-analysis. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 80(4), 547-559. Zur Studie Zurück zum Text
  8. Richards, D. A., Ekers, D., McMillan, D., u. a. (2016). Cost and outcome of behavioural activation versus cognitive behavioural therapy for depression (COBRA): a randomised, controlled, non-inferiority trial. The Lancet, 388(10047), 871-880. Zur Studie Zurück zum Text
  9. Furukawa, T. A., Noma, H., Caldwell, D. M., u. a. (2014). Waiting list may be a nocebo condition in psychotherapy trials: a contribution from network meta-analysis. Acta Psychiatrica Scandinavica, 130(3), 181-192. Zur Studie Zurück zum Text
  10. Leichsenring, F., Steinert, C., Rabung, S., und Ioannidis, J. P. A. (2022). The efficacy of psychotherapies and pharmacotherapies for mental disorders in adults: an umbrella review and meta-analytic evaluation of recent meta-analyses. World Psychiatry, 21(1), 133-145. Zur Studie Zurück zum Text

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